Antike Kinderwagen

Der Transport des Nachwuchses war zu allen Zeiten ein Thema für junge Eltern. Jahrhundertelang haben Eltern ihre Kinder in Tüchern getragen, die sie sich um den Körper gebunden hatten. Irgendwann wurden die Kinder dann in Körbe gelegt. Aber auch diese Körbe mussten noch irgendwie befördert werden. So wurden sie wie die Tücher zuvor einfach an die Lasttiere gehängt oder auf den Rücken geschnallt. Etwa ab dem zwölften Jahrhundert kamen dann überall in Europa Schubkarren auf. Die wurden natürlich auch sofort von den geplagten Eltern gleich genutzt, um darin die kleinen Kinder zu transportieren.

Meist wurde nur etwas Stroh und Heu in den Schubkarren gelegt, damit das Baby nicht allzu stark durchgeschüttelt wurde. Schließlich hatten diese ersten Schubkarren noch keine Luftreifen, sondern lediglich Scheiben aus Holz, die als Rad dienten. Mit einem richtigen antiken Kinderwagen hatten diese Karren noch nicht viel Ähnlichkeit. Keine Federung, keine Dämpfung, aber die lieben Kleinen mussten wenigstens nicht mehr von ihren Eltern oder Geschwistern getragen werden.

Der erste Kinderwagen

kinderwagen in der antike
Nicht wirklich komfortabel die „Kinderwagen“ aus dem 13. Jahrhundert

Die Schubkarren und kleinen Wägelchen, die so zwar als Kinderwagen genutzt wurden, waren im Grunde aber nur zweckentfremdete Karren, die für alles Mögliche gedacht waren. Kurz vor dem Baby hatte der Vater vielleicht noch den Mist der Kühe damit befördert. Sicher gab es damals schon echte Kinderwagen, die nur für die Kinder gedacht und angefertigt worden waren. Schließlich gab es reiche Familien, die den Lohn des Tischlers locker zahlen konnten. Belegt ist das aber nicht.

Der erste richtige Kinderwagen, der auch tatsächlich belegt ist, wurde etwa um die Jahre 1550 bis 1560 gebaut. Für diesen speziellen Kinderwagen ist nämlich die Rechnung erhalten geblieben. Diese belegt, dass der Tischler zwei Tagelöhne, also damals vier Pfund, für das Transportwägelchen verlangt hat. Leider ist keine Zeichnung oder dergleichen von diesem offiziell ersten Kinderwagen erhalten geblieben. Auch ist nicht bekannt, wer der wohlhabende Auftraggeber für das Gefährt war.

Die ersten Serienproduktionen der „antiken“ Wagen

Lange hat es gedauert, doch 1850 produziert Ernst Albert Naether in Zeitz bei Dresden die ersten Ziehwagen, die nur für Babys gedacht sind. Zwei Jahre später gab es auf der Leipziger Messe auch einen Schiebewagen mit Korb. Diesen speziell angepassten Korb stellten Korbmacher aus Zeitz und Umgebung extra für die antiken Kinderwagen von Naether an. Allerdings waren die Kinderwagen damals natürlich noch nicht antik, sondern das Modernste vom Modernen. Etwas früher wurde bereits 1840 eine Fabrik für Kinderwagen in England eröffnet. Wohl von dieser ersten Fabrik wurde der erste Kinderwagen einige Jahre später bei Hofe in London genutzt. Dort war der antike Kinderwagen sicher hilfreich, schließlich hatten Queen Victoria und ihr deutscher Gatte Albert insgesamt neun Kinder. Schon 1852 hat dann direkt in London Charles Burton die Fabrik für Perambulatoren eröffnet. Für neugeborene Kinder waren diese dreirädrigen Modelle aber nichts, denn das Kind musste bereits sitzen können. Es saß in dieser Karre bereits in Fahrtrichtung, daher kann man dieses Modell eigentlich nicht als richtigen Kinderwagen bezeichnen.

Zeitz – eine Metropole im Kinderwagenbau

In Zeitz tat sich da jedoch so einiges, denn schon 1875 gab es hier 13 Fabriken, die sich auf Kinderwagen spezialisiert hatten. Schon 1860 musste bei Naether wegen der extrem großen Nachfrage eine industrielle Großproduktion angestoßen werden. Sogar eine Dampfmaschine ging nur weitere zehn Jahre später in Betrieb. Diese sollte die 750 Angestellten unterstützen, die zu diesem Zeitpunkt bereits in der Fabrik von Naether arbeiteten. Aus den 13 Kinderwagenfabriken, die es 1875 in Zeitz gab, formierte sich nach dem zweiten Weltkrieg die ZEKIWA, also die Zeitzer Kinderwagen Fabrik, die zwar kurz nach der Wende zunächst aufgelöst, dann jedoch 1995 fortgeführt wurde.

So ist die ehemalige VEB ZEKIWA auch heute noch unter dem Namen Zekiwa mit der Herstellung von Kinderwagen und Puppenwagen beschäftigt.

Einige der Unternehmen, die 1875 die heute antiken Kinderwagen aus Zeitz herstellten:

• Naether
• Degelow
• Germania
• Opel und Kühne
• Saxonia
• Phönix
• Thuringia

Jahrhundertwende – Großbritannien oder Deutschland

Nicht nur in Zeitz ging die Entwicklung der Kinderwagen voran. Der größte Konkurrent für die Zeitzer Kinderwagen war England. Hier wurden ebenfalls ab ungefähr 1880 schon antike Kinderwagen mit vier Rädern hergestellt. Auch diese hatten wie die deutschen Modelle einen Korb aus Weidengeflecht. Für die Federung der Kinderwagen wurden einige Elemente bei den Kutschen abgeschaut. Diese wurden lediglich verkleinert und sahen auch den Bauteilen von Kutschen sehr ähnlich.

Viele der europäischen Staaten und auch die noch junge USA haben um 1900 herum die englischen Kinderwagen importiert. Der etwas sperrige Name Perambulator wurde zu Pram abgekürzt und war um die Jahrhundertwende in aller Munde. Die Prams waren was Design und hochwertige Verarbeitung anging sehr beliebt. Dennoch war auf dem europäischen Festland eher der Kinderwagen aus Zeitz beliebt und begehrt.

Die fünfziger Jahre – Familie wird großgeschrieben

So wie die antiken Kinderwagen in der frühen Zeit deutliche Nachahmungen der Kutschen waren, wurde auch in den fünfziger Jahren der Kinderwagen teilweise an die nun gängigen Transportmittel angepasst. Der Landauer zum Beispiel wurde lediglich etwas kleiner als Landauer für Babys nachgeahmt. So bekamen die Kinderwagen aus den Fünfzigern kleine Kotflügel und Zierleisten aus Chrom. Daran ist gut zu sehen, wie jeweils die gängige Mode auch den Bau der Kinderwagen beeinflusst hat.

Die antiken Kinderwagen, die wir heute so bewundern, waren zu ihrer Zeit brandneu und das modernste, was es gab.